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Arm im Advent - Armut in Deutschland
Susan Bonath stellt in der Wochenendausgabe der jungen Welt vom 17./18. Dezember ein paar Einzelschicksale von armen Menschen in Deutschland vor:
"Advent: Über dem von Fachwerkhäusern gesäumten Boulevard hängen gelbe Weihnachtssterne. Tannengrün, "Budenzauber" und Glühwein für einzfünfzig. Schaufenster, auch die sonst verwaisten, sind festlich geschmückt. Keine Frage: In Haldersleben macht man sich Gedanken ums Erscheinungsbild. Weit weg sind das Plattenbauviertel mit den billigen Wohnungen, das Obdachlosenheim und der Getränkegroßmarkt. Nur ein Spielmann klampft, am Boden sitzend, "Oh, du Fröhliche"; seine Stimme ist rauh, neben ihm steht eine Plastikschale. Ruhig und beschaulich geht es zu im Zentrum der 19000-Einwohner-Stadt im Norden Sachsen-Anhalts.
Martina und Frank (Namen geändert) betreiben ein Geschäft in einer Nebenstraße. Damit haben sie sich einen Traum erfüllt. Anfangs verkauften sie nur "Klamotten". Heute bekommt man dort alles mögliche. Damals waren sie zuversichtlich und dachten, es würde schon irgendwie laufen. Heute hangeln sie sich von einem Monat zum nächten. Der Laden werfe kaum Gewinn ab, erzählt Martina, während ihre beiden Söhne um die Kleiderständer toben. Sie spricht von "hohen Ausgaben und schleppenden Einnahmen". Weder Urlaub noch Werbeanzeigen in der zeitung seien drin. Vieles laufe nur, "weil man sich untereinander kennt und Ware gegen Ware tauscht". Die Familie halte sich mehr oder weniger mit Kinder- und Wohngeld über Wasser. Zum Amt gehen will das Paar nicht. Martina befürchtet, ihr Geschäft zu verlieren und gibt zu: "Das wäre das Schlimmste für mich."
Larissa (Name geändert) ist 33 und kellnert in einer kleinen Gaststätte. Sie ist Minijobberin. "Natürlich arbeite ich mehr, als ich bezahlt kriege" sagt sie. Aber sie tue das freiwillig. "Wir müssen alle irgendwie leben." Mehrmals habe "der Laden" kurz vor der Pleite gestanden. "Man kann das hier nicht mit einer Großstadt vergleichen". Ihrer Meinung nach "fehlt den Leuten immer mehr Geld und Zeit". Aber sie liebe ihren Job, auch wenn die meisten Wochenenden dabei draufgingen. "Wir sind ein gutes Team ohne Hierarchien. Wir lachen viel." Larissa möchte keine andere Arbeit. Sie habesich damit arrangiert, eine "Aufstockerin" zu sein und wenig Geld zu haben. Ihre größte Angst sei, "daß mir das Jobcenter irgendeine miese Stelle aufs Auge drückt".
...
Einen Antrag beim Jobcenter hat Sebastian (Name geändert) schon oft in Erwägung gezogen, aber bisher nie gestellt. Der 43-jährige arbeitet als freier Mitarbeiter für eine Agentur, die Artikel an eine Zeitung liefert. Im vergangenen Jahrhabe man ihm das Festhonorar auf einen Schlag um rund 20 Prozent gekürzt. "Das Arbeitsvolumen ist allerdings gleichgeblieben." Auto, Benzin, Beiträge zur privaten Krankenversicherung und Grundstücksschulden würden ihn immer mehr "auffressen". "Alle wollen Geld: die IHK, das Finanzamt, die GEZ." Oft wisse er nicht, woher er das noch nehmen soll. Der Lebenskünstler - wie er sich selber nennt - hat trotzdem immer einen lockeren Spruch auf den Lippen: "Wenn es eng wird, verkloppe ich was bei Ebay."
..."
Quelle:
junge Welt, 17./18.12.2011

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