Rede von Georg-Alexander Fotiadis am 8. Mai 2009 am alten Friedhof, Nachrodt

Vorwort:

Liebe Freunde, liebe Anwesende und liebe Genossen,

Ihr fragt Euch sicherlich, warum diese Veranstaltung in einen solch merkwürdigen Rahmen stattfindet. Dass wir der Opfer von Verschleppung und Zwangsarbeit, die auf diesem Friedhof begraben liegen, nicht auf die Art und Weise ehren können, die wir für für angebracht hielten, hat folgenden Hintergrund: Der Friedhof ist zwar offen zugänglich, ist aber Eigentum der evangelischen Kirchengemeinde Nachrodt. Die anfangs der Woche erschienenen Ankündigungen in der lokalen Presse riefen offenbar einen Presbyter auf den Plan, der sich an das Ordnungsamt der Gemeinde wandte, das sich mit der Kreispolizeidienststelle auseinandersetzte. Mit dieser habe ich auch gesprochen. Der dort zuständige Beamte meinte, dass es sich bei unserer Veranstaltung um eine politische Versammlung halte, die anzeigepflichtig sei, was ich dann auch mündlich bei ihm getan hab. Er machte uns folgende Auflagen: Mir wurde untersagt, auf dem Friedhof zu sprechen, nur zwei von uns dürfen Blumen niederlegen und wir haben (wie auf einer Demonstartion) einen Ordner zu bestimmen. Zur Verhältnismäßigkeit dieser Maßnahmen schweige ich! Pfarrer Kube rief mich an und drückte sein Bedauern aus und stellte in Aussicht, dass man bei rechtzeitiger Absprache mit der Kirchengemeinde im nächsten Jahr die Würdigung dieser Kriegsgefangenen auch gerne gemeinsam begehen könne, was uns dann auch wieder von den Auflagen befreien würde, da die Kirchengemeinde auf dem Friedhof das Hausrecht besitzt.

Rede:

Am 1. September 2009 jährt sich zum 70. Mal der deutsche Überfall auf Polen, der für viele den Anfang des zweiten Weltkrieges darstellt. Tatsächlich wurde die Saat dafür bereits 1933 gelegt als nicht nur deutsche Eliten die Faschisten unter Adolf Hitler an die Macht hievten, wohl auch im Hinblick auf die erstarkende KPD. Die Bilanz: Etwa 60 Millionen Tote!

Erst der Sieg der Roten Armee in Stalingrad und die Landung der Alliierten in der Normandie (beides unter sehr sehr hohen Verlusten) brachte die Wende und damit auch den Deutschen die Hoffnung auf ein Ende des Krieges. Wir stehen in tiefer Schuld der us-amerikanischen, sowjetischen, britischen und polnischen Soldaten, der jugoslawischen und anderer Partisanenverbände und der deutschen und anderen Widerstandsgruppen, die alle ihren Teil beitrugen, uns vom Faschismus zu befreien.

Heute vor 64 Jahren endete der zweite Weltkrieg mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen faschistischen Regierung.

Hier auf dem alten Friedhof in Nachrodt-Wiblingwerde befinden sich die Gräber von sechs Kriegsgefangenen, fünf sowjetische und ein polnischer Soldat. Auf den Grabsteinen der Sowjets steht "russischer Soldat". Da die UdSSR ein Vielvölkerstaat war, können wir aber nicht genau sagen, ob es sich bei den hier begrabenen tatsächlich um Russen und nicht etwa um Ukrainer, Kirgisen oder um Angehörige einer anderen Volksgruppe gehandelt hat, wir wissen aber, dass sie alle Soldaten der Roten Armee waren. Wie viele tausend andere waren auch diese sechs ins Reich verschleppt  und zu Sklavenarbeit gezwungen worden. Einige von den verschleppten ließen noch in den letzten Kriegsmonaten ihr Leben. Durch welche Umstände, wissen wir nicht. Uns bleibt nur, ihrer ehrend zu gedenken und unsere und künftige Generationen zu mahnen, so etwas nie wieder zuzulassen. Leider beteiligen sich auch heute wieder Deutsche Soldaten an Interventionskriegen, was die Losung "Nie wieder Krieg!" in diesen Tagen als hohle Phrase erscheinen lässt. Daher möchte ich enden mit einer abgewandelten Form:
"Schluss mit den deutschen Kriegseinsätzen! Und: Nie wieder Faschismus!"